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Donnerstag, 6. Juli 2017

Wenn Dein Ziel eventuell nicht Dein Ziel ist ....

Er wollte unbedingt Ironman machen. Und nicht irgendwie, sondern unter 11 Stunden, wenn möglich, sogar um die 10 Stunden.
Als ich ihm fragte, warum, sagte er: "Einfach so, ein Mal im Leben Ironman machen ist mein Traum."
Warum unter 11 Stunden? "Weil ich es so will, so macht es Sinn für mich. Ich weiss es nicht."
Ich fragte ihm: "Was hälst du von mentalem Training?"
Lachte belustigt, großzügig und bequem auf dem Couch. Als er antwortete schaute er auf dem Fenster, er schaute nicht mich an: "Ha-ha ... neh, nichts für mich. Hab ja so gehört, aber mach ich nicht."
Der Mann trainierte schon seit ungefähr zwei Monate mit einem aus Internet heruntergeladenen Trainigsplan. Ende Januar, als wir uns trafen, war es sehr nah am Übertraining! Das hieß für mich, als Coach, sofort Maßnahmen treffen.
Wir haben holistisch fünf Monate zusammen gearbeitet. 
Ständig habe ich ihm Tipps gegeben, die er nirgendwo gefunden hätte. Salz und Pfeffer einer Trainingsstrategie, jeder Coach entwickelt seine eigene Philosophie.
Laufen ohne Musik in den Ohren war eine Voraussetzung. Trainieren mit sich selbst, ohne Musik, wenn möglich auch ohne Handy, quasi Meditation-Lauf aber nicht ganz. 
Die Trainingsmonate waren lang und intensiv. Er war immer voll motiviert und sehr diszipliniert. Hat sehr schnell Sachen verstanden, aufgenommen und geübt. Ich habe ihm über Vieles erzählt, auch Sachen, die ich keinem erzähle, so dass er versteht, warum ich manche Sachen so haben will und nicht anders. 
Die Verantwortlichkeit bleibt aber immer bei dir selbst. Kein Coach in der Welt soll die Verantwortlichkeit über dich übernehmen. Wenn du die Verantwortlichkeit übergibst, übergibst du deine eigene Kraft um besser zu werden und dein Leben so zu gestalten, wie du es gerne haben willst.
Über die Rolle der Begeisterung habe ich ihm erzählt. 
Über "das grüne Lichtelein".
Über viele Sachen ...... 

Die Ergebnisse bei den anderen Wettkämpfe waren über seine Erwartungen. Er sagte einmal, er spürt mich wie eine gute Fee. Im Vergleich mit seinen Freunden und Sport-Kollegen fühlte er sich immer besser, gelassener, entspannter, freudiger, unermüdigt. Keine Hektik, kein Stress, und trotzdem in so kurzer Zeit die beste Ergebnisse seines Lebens, worüber er nur träumen konnte.

Da waren unterwegs einige Episoden als ich merkte, irgendwas passt nicht perfekt im Gesamtbild. Ich wusste aber noch nicht was und ich ließ die Sachen im Flow. Technisch klappte alles optimal. Mitte Mai wusste ich, er wird sein 1. Ironman in knapp 10,5 Stunden schaffen.
Mitte Juni spürte ich, er wird das ohne extreme Anstrengung schaffen, weil er inzwischen von mir gelernt hat, wie schädlich die extreme Anstrengung ist (Training in Zone 5 oder zu lange in Zone 5 im Wettbewerb zu bleiben).

Der großer Tag kam. Unsere Vereinbarung endete 2 Wochen vor seinem 1. Ironman (Ironman Austria in Klagenfurt). Trotzdem habe ich ihm gesagt, bei Fragen bin ich für ihn da. Seine Freude war mein Erfolg. Sein Erfolg wäre meine Bestätigung gewesen, wie gut ich doch bin, wieviel Gespür ich doch für die ganze Sache besitze. Es ging nicht um Annerkennung, aber um Bestätigung in der erste Linie. Auch die stolzsten und stärksten brauchen immer wieder Annerkennung und Bestätigung, egal was sie behaupten ("Nein, brauch ich nicht, ich weiß doch, wie gut ich bin!" - Quatsch! Es gibt kein "gut" oder "schlecht", aber wir alle brauchen das, sonst würden die Wettkämpfe auch keinen Sinn, logo!!)
Am Abend bevor, also Samstag, kontaktierte er mich. War alleine im Hotelzimmer, hatte sich entspannt und berichtete mir, er sei nervös. Ich habe ihm 3-4 E-Mails mit weiteren Tipps gegeben. Umformulieren, umdenken, Prioritäten anpassen. Jetzt, am Samstag abend, vor dem Start, deine einzige Priorität ist nicht der morgigen Tag, sondern der kommenden Schlaf. Usw.
Ich habe ihm ein Bild von mir am Füße des Everests geschickt und habe ihm gesagt, er wird am nächsten Tag sein persönliches Everest erreichen :-)

Seine Schritte entlang des Sonntags habe ich voller Freude im Internet gefolgt und mit ihm die ganze Reise des Wettbewerbs miterlebt. Er wusste nicht. Ich habe gesehen, so weit es möglich war, wann er schwächer oder stärker wurde.
Auf die Laufstrecke war das natürlich am besten zu sehen. Faszinierend. Beim 30. Kilometer geschah etwas, sein Tempo war langsamer. Er hat mir dann 2 Tage später alles bestätigt. Beim km 30 ging er in Achtsamkeit rein und dachte sich, es löhnt sich nicht, zu forcieren. Kluge Entscheidung, da es nicht um den 1. Platz ging, wo man 40.000 Euro einkassiert! Er fühlte den Druck der gesammelte Müdigkeit. Zum ersten Mal in seinem Leben fing er an zu spüren, was die Ironman-Distanz in seiner Gesamtheit bedeutet und wie viel Schaden für das Organismus richten kann.

Er hat sein Ziel erreicht. Er hat sein Traum erfüllt. Gesamtzeit: 10 Stunden 16 Minuten.

Dann sofort kam die Leere.

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Man kann nie von Anfang an etwas oder jemanden 100% einschätzten. Wir, Menschen, sind sehr unterschiedlich und bis du einem besser riechst, brauchst du Zeit und Ereignise. Seine Körpersprache war beim Kennenlernentreff für mich interessant zu beobachten. Dann, im Laufe der Trainingsmonate, war interessant zu merken, wie er alles absaugt, wie ein Schwam. Er nahm jede Anweisung wahr und machte quasi jede Übung. Dadurch änderte er sich. Ab und zu berichtete auch darüber: "Wahnsinn, echt ..... ich war so tief in mir, ich lief so fokussiert entlang der Donau, dass ich gar nicht mehr wusste, ob drauf Eis liegt oder nicht und genau deswegen bin ich zum Fluß gelaufen, um zu sehen, ob er gefroren ist oder nicht. Wahnsinn, echt .... diese Konzentration auf dem eigenen Körper .... hätte nie geahnt, dass so was möglich ist ...."
Es ist so, die meisten von uns merken gar nicht, dass sie einen Körper haben. Im Ausdauersport darf das nicht passieren, er schlägt heftig zurück und es tut weh.
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Er erzählte mir erst am Dienstag wie es war. Da er am Sonntag mich nicht angerufen hat, empfand ich als komisch. Ich dachte mir, irgendwas stimmt hier nicht.
Dass er mich am Montag auch nicht angerufen hat, war schon zu komisch. Welcher Sportler kontaktiert nach seinem Erfolg seinen Trainer nicht?!
Am Dienstag schrieb ich ihn an und fragte, ob er unter post race Depression leidet .....
Er rief mich am Nachmittag an. 
Ja, alles optimal, alles perfekt, aber .....
"Ich war im Ziel, ich erreichte mein Ziel, mein Traum und trotzdem konnte ich mich nicht freuen. Alle freuten sich, die Familie, die Freunden, wir waren sehr viele zusammen, eine ganze große Gruppe..... nur ich konnte das Freudegefühl nicht spüren. Bis heute nicht ...."

Er hat halbes Jahr mit Personal Coach trainiert und sich von allen versteckt. Keiner durfte erfahren, ich trainiere ihm. Keiner durfte erfahren, er wird gecoacht. Jegliche Kontaktaufnahme auf Facebook hat er sofort abgelehnt. Er sagte auch: "Bis am 2.Juli möchte ich nicht, dass meine Freunde sehen, du trainierst mich."
Das war eine Einstellung, die ich nicht als positiv empfand und das hat auch eine Rolle gespielt. Für sich, für diesen wintzigen Teil seines Unterbewusstseins, wo Schatten herrschen.
Dann, nach dem riesigen Erfolg, herrscht, statt Freude und Annerkennung, die Gleiche Ablehnung und Schweigen dem Coach und dem Erfolg gegenüber. Ihm selbst gegenüber wahrscheinlich auch.

Wenn ein Ziel nicht wirklich dein Ziel ist, dann kannst du ihn technisch, mechanisch erreichen, aber innerlich wird er dich eher belasten. 
Er muss selber drauf kommen, was alles bei ihm, in seinem Unterbewusst heikelt. Da gibt es irgendwo eine versteckte Blockade, die er nur durch mentale Techniken findig machen kann, so dass er sich normal freuen kann.
Am Dienstag am Telefon klang er eher depressiv, als begeistert, wie ich ihm nach die anderen Wettbewerben kannte. Nach dem Lauf im Wien, nach dem Triathlons in Tulln, Neufeld, nach dem Halb-Ironman in St.Pölten bebte seine Stimme vor Freude und Begeisterung.
Jetzt bebte gar nichts. 
Ich kenne post race depression Symptomen, habe selbst erlebt und ich dachte, die kommen, weil ich alleine unterwegs war, ohne Unterstützung. Ich war immer alleine beim Training, alleine unterwegs, alleine am Abend zuvor, alleine ins Ziel und nach dem Ziel. Ich trank mein Bier danach alleine, ich war alleine am Steuer unterwegs, für 12 Stunden manchmal!
Aber er hat die Unterstützung einer große Familie und einen großen Freundenkreis. 
Sein Traum ist in Erfüllung gegangen, er hat sein Ziel 150% erreicht und findet die Kraft nicht, sich darüber zu freuen.
Ohne Zweifel, dass bei der Zielsetzung etwas nicht perfekt hineinpasste. Es hat im Laufe der Trainingsmonate das Thema Training-Camp angesprochen. Er bestand auf Training-Camp. Ich sagte: "Du kannst es machen, wenn du willst. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, manche Sachen willst du machen bzw. haben nur deswegen, weil andere sie machen/haben."
Er sagte: "Da hast du recht."
Und hat viel, viel Geld dadurch gespart :-) Ein Training-Camp hätte ihm nicht mehr als erreicht gebracht.
Aber dadurch konnte ich ihn besser einschätzen.
Ziele, die nicht deine ganz persönliche Ziele sind, bringen nicht so viel Freude. Sachen zu starten und durchzuziehen nur weil andere das und dies machen, nur weil du es dir oder/und anderen zeigen/beweisen willst, du kannst es auch, sind keine richtige Ziele und wenn in der Anwort bei der Frage "Warum tust du das?" einen "Ich weiss es nicht ...." auftaucht, dann lass es lieber und überdenk das Ganze noch mal. Für dich selbst.

Natürlich wird sich seine Perspektive im Laufe der Zeit ändern, er ist erst am Anfang mit manchen Aspekten, auch wenn er gar nicht ahnt. Aber diese LEERE am Finish und nach dem Finish seines ersten Ironman wird immer da bleiben, wo sie ist. Genau wie die explosive Freude, das explosiven Glück, die ich in 2013 hatte, da geblieben ist und mich immer wieder beglückt und motiviert hat :-)
Wenn auch du solche Sachen erlebst, hier mein Vorschlag:
- nimm dir Zeit mit dir selbst;
- verbringe die ersten Tagen nach dem Geschehen nicht grübeln, sondern dein normales Leben führen und dich wirklich gut regenerieren, gut und schön und achtsam essen;
- verbringe Zeit mit Menschen, die dich verstehen können - andere Athleten könnten dich verstehen;
- gehe aus, trink eine Kaffee draußen, lass die Gedanken bummeln; 
- hast du ein Coach, triff dich mit ihm, lad ihm zu irgendwas ein, Hauptsache ins Gespräch kommen, er kennt dich besser als du manchmal ahnst;
- nach 3-4 Tage gehe jede 2. Tag laufen, zehn km oder so. Geh schwimmen und radeln in HF Zone 1-2. Konzentriere dich auf deinem Körper, auf Natur, auf einen Schmeterling, auf die Wolken usw. Du musst nicht ununterbrochen laufen, nimm eine Pause. Mach keinen Training!
- weine, wenn es dir um weinen geht. Weine alleine, für dich. Setzt dich im Feld oder im Wald und weine dich aus.
- nimm es wahr, dass eine leicht depressive Stimmung danach fast normal ist und doch schnell vorbei geht.
- esse alles was dir schmeckt;
- akzeptiere die jetztige Lage so wie sie ist und gib ihr Zeit;
- nehme dich wahr und liebe, bewundere dich für die ganze Leistung, für die ganze Reise die du geschafft hast ..... Ironman ist kein Ziel, Ironman ist eine Reise - sag ich doch immer. Ironman Journey - 
Und nicht zuletzt, überdenke deine Ziele ...... 

Warum kommt Depression möglicherweise?
Du hast sehr lange trainiert. Nur für dieses Ziel. Ziel erreicht, alles perfekt. Und was nun? Es kommt also eine Leere. Du hast kein Ziel mehr, ab sofort keine Regeln, keinen Trainingsplan, keinen Zwang. Du verlierst die Orientierung irgendwie, aber es hängt von dir ab, sie sehr rasch wieder zu finden oder zu gestalten.
Die Trennung von deinem Coach beeinflusst dich auch, auch wenn du dass nicht wahrnimmst.
Manche melden sich sofort für den nächsten Wettkampf. Z.B. Ironman Austria 2018 ist in den ersten 3 Tage nach Ironman Austria 2017 ausverkauft! Viele wissen gar nicht, ob sie in einem Jahr noch laufen wollen/können, aber sie haben die fast 600 euro für die Teilnahme schon ausgegeben!! Damit denken sie, schon etwas erreicht zu haben. Nach dem Ziel sofort ein anderes Ziel zwingen. Bis wann denn? Psychologisch betrachtet ist das berauschend, faszinierend irgendwie ..... und wir fragen uns, warum wir immer kränker werden .... darum!
Weil wir uns Zeit nicht gönnen. Zeit zu trauen, uns zu freuen, uns zu ruhen, nachzudenken, zu überdenken ..... Aus Angst, keinen Platz für 2018 kriegen zu können, zahlen wir sofort ein kleines Vermögen ..... gut für das Konzern Ironman, der kassiert und kassiert ein.
Der deutschen Wissenschaftler Dr. Hünther sagte: "Wer mental stark ist, brauch Shopping-Therapie gar nicht, braucht nichts zu kaufen." Recht hat er.

Also .... wenn dich so eine grelle Stimmung so plötzlich trifft, ignoriere sie nicht. Finde heraus, woher es kommt. 
Es kommt aus einem falschen Ziel oder es kommt weil dein Leben im Sinne leer ist. Auch wenn du unglaublich viel zu erledigen hast bedeutet vom Weiten nicht, dass du ein erfülltes Leben hast. Volles Leben ja, aber vielleicht nicht erfüllt .... (es ist nicht der Fall in meiner Geschichte, der Mann hat sicherlich ein sehr erfülltes Leben).

Genieße die Zeit, den Erfolg, erlebe den Wettkampftag erneut, erlebe die harten Trainingseinheiten die du im Winter hattest oder erlebe die Gefühle die du hattest, als du wieder eine E-Mail von deinem Coach las :-)

Laß dich im Flow der Freude ...... Thomas, Michael, Andreas, Bernd und allen anderen, die es solche Zeilen benötigen :-)
Empfehlenswerte Lektüre über Ironman-Effekte 

I'm WATCHing YOU!! :-)